Verstehen heißt nicht, einverstanden zu sein

Es ist Montag und Sie vermuten, dass auch an diesem Montag besonders viel los sein wird. Deshalb haben Sie die Tipps befolgt, die Sie im Blogeintrag „Alles, worauf Du Dich konzentriert, wächst“ gelesen haben. Um gut durch den Tag zu kommen, haben Sie sich bereits morgens im Spiegel angelächelt, mit einer aufrechten Körperhaltung und festem Stand Energie für den Tag getankt: Dieser Tag wird gut! Die ersten Stunden verlaufen wie gewünscht. Und dann steht Herr W. vor Ihnen und sagt: „Ist das voll heute, da muss ich ja ewig lange warten!“ Und Sie? Sie ärgern sich und denken vielleicht: „Ich kann auch nichts dafür, dass alle am Montagmorgen auf einmal kommen. Anstatt zu maulen, hätte er ja auch später kommen können oder wenigstens vorher anrufen!“

 

Diese Reaktion ist menschlich. Doch schauen wir uns einmal genau an, was Herr W. da sagt: Er beschreibt die Situation. Mehr nicht. Wir neigen jedoch häufig dazu, eine Aussage zu interpretieren und, wenn wir ehrlich sind, ärgern wir uns nicht über seine Aussage, sondern über unsere Interpretation. Warum nur interpretieren wir häufig?Unsere Kommunikation wird durch viele Faktoren bestimmt:

  • Die Aussage
  • Die Stimme
  • Die Mimik
  • Die Körpersprache
  • Die Beziehung zum Gegenüber
  •  Die eigene Stimmung

Es ist bekannt, dass die Aussage selbst am wenigsten wahrgenommen wird. Vielmehr beeinflussen die Stimme, und noch mehr die Mimik, was Menschen in einem Gespräch wahrnehmen. Stimmt für uns die Aussage mit dem Gesichtsausdruck und der Stimme überein, dann nehmen wir die Aussage vermutlich so wahr, wie sie vom Sprecher auch gemeint war. Entsprechen Stimme und Mimik nicht der Aussage, dann interpretieren wir, da Mimik und Stimme intensiver wahrgenommen werden. Interpretation bedeutet Ungewissheit: Wenn ein Gesichtsausdruck beispielsweise Furcht oder Ärger ausdrückt, werden Angst oder Wut wahrgenommen. Wichtig ist, diese Wahrnehmung nicht zu interpretieren, denn die Ursache dafür ist uns nicht bekannt.

 

Kommen wir nochmal zur Situation mit Herrn W. zurück: Nehmen wir an, seine Stimme und seine Haltung haben Ungeduld ausgedrückt und er wirkte dadurch unfreundlich. Diese Ungeduld hat nichts mit Ihrer Person zu tun.

Herr W. hat eine Geschichte, hat Erfahrungen und eine Lebenssituation, die sein Verhalten beeinflussen. Es kann viele Gründe geben, warum er sich so verhält. Vielleicht hat er wegen Schmerzen schlecht geschlafen, oder er hat heute Mittag ein Bewerbungsgespräch, bei dem er fit sein will, oder er macht sich Sorgen über andere Dinge. Was immer es ist, ob Sie die Gründe kennen, oder nicht: Nehmen Sie Unfreundlichkeit nicht als persönlichen Angriff. Es geht nicht um Sie als Person, sondern um Herrn W‘s Stimmung.

Dies hilft, freundlich und ruhig zu bleiben und mit dieser freundlichen Stimmung auch die Stimmung Ihres Gegenübers ins Positive zu wenden. Darüber hinaus hilft es Ihnen, sich abgrenzen zu können und den vermeintlichen Unmut anderer nicht aufzunehmen.

 

Zugegeben, es ist nicht immer einfach, für andere Verständnis aufzubringen, wenn man selbst gerne respektvoll und wertschätzend behandelt werden möchte. Zu verstehen, warum sich jemand in einer bestimmten Weise verhält bedeutet nicht, dass ich damit einverstanden bin. Verständnis ist jedoch die Voraussetzung, um eine Situation in eine positive Richtung zu lenken. Wenn ich den anderen verstehe, kann ich die passenden Worte finden, ohne grollend und schmollend zu reagieren.